Der Letzte Prophet1
Thomas Assheuer
(Die Zeit
Newspaper)
Zum Tod des
französischen Soziologen und Kulturkritikers Jean Baudrillard. Wenn es Jean
Baudrillard nicht gegeben hätte, dann wäre die Welt um ein Epochengefühl ärmer
gewesen. Nichts verbindet sich mit seinem Namen mehr als die Vorstellung von
der »Postmoderne«, der Zeit nach dem Ende der Zeiten und dem Abschied von der
Geschichte. Die Rede von der Postmoderne war die suggestive Zauberformel der
achtziger Jahre, und sie hat die Köpfe verhext wie kaum eine zweite.
Postmoderne hieß für Baudrillard: Die Zivilisation hat ihren Siedepunkt
überschritten, von nun an wird sie erkalten. Sie tritt auf der Stelle, und es
wird viel passieren, aber nichts mehr geschehen. Die Ereignisse finden nicht
mehr statt, und wenn, dann nur noch als Simulation auf dem Bildschirm. In der
neuen Ära, der Ära der Nachgeschichte, gibt es weder Wahrheit noch Politik.
Nietzsche, so Baudrillard, habe sich noch mit dem Tod Gottes herumgeschlagen;
wir, die endgültig Modernen, aber hätten es mit dem Verschwinden der Geschichte
und dem Ende der Politik zu tun. Die Achtundsechziger waren die letzte Zuckung
im historischen Lauf der Dinge, danach begann die »Agonie des Realen«, die
»große Absorption«, das elende Verschwinden.
Jedes Buch von Jean
Baudrillard las sich nun wie ein Requiem. Was man früher Wirklichkeit nannte,
das verschwand für ihn nun im Als-ob, im Schein der allmächtigen und
allherrschenden Medien. Die Realität ist von ihrer eigenen Simulation nicht
mehr zu unterscheiden. Die Bilderökonomie der Warenwelt, der panoptische Terror
der Reklame, drückt der Welt ihren Stempel auf. Alles, so schrieb er in seinem
Hauptwerk Der symbolische Tausch und der Tod (1976), wird nun mit
Ähnlichkeit geschlagen. Die durchgesetzte Moderne duldet keine Differenz und
keine Abweichung. Es gibt kein Außerhalb mehr zu der medialen Routine des
Lebens, alles ist nur noch seine eigene Simulation. In der »Hölle des
Immergleichen« verschwinden erst die Worte und ihre Energien, dann das Subjekt
und seine Liebe und schließlich das Lebendige selbst, der Ursprung aller
Geschichte.
Baudrillard hat es
allerdings mit seiner Theorie nicht lange ausgehalten. Nach dem Fall der Mauer
und der »Rückkehr der Geschichte« hat er nach einer neuen, alten Substanz
Ausschau gehalten, nach dem Korrektiv seiner eigenen Theorie, der »Wahrheit«
und dem »Leben« jenseits von Simulation und Künstlichkeit. Damit begann die
vielleicht irritierendste Zeit seiner intellektuellen Karriere. Baudrillard
läutete der »Göttlichen Linken« die Totenglocke und kokettierte mit der Neuen
Rechten. Sein Hass auf den (französischen) Egalitarismus war beispiellos; der
westlichen Konsumgesellschaft wünschte er Tod und Teufel an den Hals, den
Untergang und auch das »Böse«. Baudrillard verwandelte sich in einen
Apokalyptiker der Gegenaufklärung – und die Terroranschläge vom 11. September
verstand er als Wink der Geschichte, als Wiederkehr des Realen im Herzen des
westlichen Scheins. Der reaktionäre Prophet feierte seine eigenen Weissagungen
und deutete den islamistischen Fundamentalismus als Wiederkehr des Verdrängten
und blutige Antwort auf die »terreur« der entleerten Freiheit. Für
Baudrillard war der Fundamentalismus die »Revolte der Anti-Körper« und damit
ein Phänomen des globalisierten Westens, der sich Amerika und seiner Lebensform
unterworfen hat und seinen Selbsthass, seinen Hochmut und sein »Wissen«
ausbreitet bis in den letzten Winkel der Erde.
Fundamentalismus, so
wurde Baudrillard nicht müde zu behaupten, ist die Nachtseite des gottlosen
Westens, der seit Anbeginn an der unschuldigen Welt Rache nehme und sie in eine
Wüste der Gleichförmigkeit verwandele. Mit einem Wort: Die fundamentalistische
Religion implodiere in der erbärmlichen Leere einer Zivilisation, die ihre
heiligsten Werte geopfert habe und zu nichts anderem mehr in der Lage sei als
zur Abtötung der Zeit, zur Spiritualität des Konsums und zur fetischistischen
Anbetung von Wachstum und Waren. Das war Antihumanismus als Provokation und der
frivole Sound der frühen Jahre. Doch Baudrillards Ungeheuerlichkeiten waren
auch eine Form bewaffneter Melancholie, die seit je keinen anderen Traum
träumte als den, unrecht zu haben. »Die verrückte Hoffnung darauf, widerlegt zu
werden«, notiert er in einem seiner schönsten Bücher, den Cool memories.
Jean Baudrillard
beharrte darauf, auch ein Soziologe zu sein – einer, der das strenge
Tabu der Zunft brach und weder die geschichtsphilosophische Betrachtung noch
die metaphysische Spekulation scheute. Mit haltlosen Aphorismen und großem
Selbstbewusstsein machte er sich in den eigenen Reihen zum Narren und brachte
seine Kollegen mit dem Vorwurf in Rage, dass Soziologen, die nur etwas von der
Gesellschaft verstehen und nichts vom Leben, am Ende gar nichts verstehen.
Nichts von einer Moderne, in der alles zur Auflösung verurteilt sei, sogar das
Unverfügbare, die letzte existenzielle Wirklichkeit – der Tod.
© Thomas Assheuer and Die Zeit
Endnote